Der Bewerber
Von: Axel Baumgart
„Na, dann erzählen Sie doch ´mal, was Sie so bisher gemacht haben!“
„Also, nachdem ich mit fünf Jahren auf die Grundschule gekommen bin, und mit 18 Jahren mein Abitur gemacht habe, ging ich anschließend in eine Schlosserlehre. Nach Abschluss der Lehre habe ich mich auf die Herstellung von Werkzeugen spezialisiert. Allerdings habe dann recht bald festgestellt, dass ich mehr vom Leben wollte.“
„Das klingt doch gut, und was war das?“
„Ich habe mich dann recht bald selber vor die Wahl gestellt, ob ich meinen Meister machen möchte, oder ob ich vielleicht noch ein Studium beginne. Ich habe mich dann für den Studiengang Maschinenbau entschieden. Hat mir auch sehr viel Spaß gemacht, sonst wäre ich auch nicht nach 11 Semestern fertig gewesen. Da ich während des Studiums auch immer schon gearbeitet hatte, fiel es mir nicht schwer, eine Stelle zu finden. Nach diversen kleineren Projekten konnte ich dann mit Anfang dreißig mein erstes internationales Projekt übernehmen. Hatte ab da auch regelmäßig Budget- und Personalverantwortung. Natürlich sind die Projekte immer größer geworden. Aber jetzt spüre ich, dass es Zeit für eine Veränderung ist.“
„Oh, das war vielleicht ein Missverständnis, ich meinte, was Sie bisher so gemacht haben in Ihrem Leben!“
„Ach so, die private Seite. Ja, ich reise gerne, lese viel und höre gerne Musik. Am schönsten ist es, wenn man die Sachen verbinden kann, wenn man zum Beispiel ein paar Tage nach New York fliegt, und das mit einem Besuch in der Oper kombiniert. Oder in einem der vielen, wirklich guten Jazz- oder Bluesklubs. Außerdem brauche ich regelmäßig meinen Sport zum Ausgleich. Wenn ich den nicht hätte, wüsste ich wirklich nicht, wie ich den ganzen Stress verarbeiten sollte.“
„Ich drücke mich vielleicht nicht klar genug aus: Was haben Sie bisher aus Ihrem Leben gemacht?“
„Wie bitte? Ach so, ich glaube ich verstehe. Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder. Meine Älteste geht aufs Gymnasium, und mein Sohn kommt nächstes Jahr dorthin. Wir haben ein Reihenhaus mit Garten. Viel Arbeit, aber ein richtiges kleines Paradies. Außerdem bin ich bei der Freiwilligen Feuerwehr. Anfangs war es ja nur, damit ich nicht zur Bundeswehr musste, aber ich bin dabei geblieben. Ich meine, man muss der Gesellschaft auch was zurückgeben.“
„Es tut mir furchtbar leid, aber wir reden an einander vorbei. Ich meinte: Was haben Sie aus sich gemacht?“
„Entschuldigung?“
„Ich meine, was macht Sie aus?“
„Ah, ich verstehe. Ich denke, bezeichnend für mich ist, dass ich sehr gründlich und analytisch bin. Ich liebe es, Aufgabenstellungen zu strukturieren und in kleine, leicht verdauliche Happen zu portionieren, wenn Sie verstehen, was ich meine. Wo ich bei mir eine echte Schwäche sehe, ist die Tatsache, dass mir alles nicht schnell genug gehen kann, egal, ob das im privaten die Autoreparatur, oder beruflich das aktuelle Projekt ist.“
„Wie mache ich nur deutlich, was ich wirklich meine? Ich muss nachdenken. Vielleicht erzählen Sie mir solange einfach etwas, von dem Sie denken, dass ich es auf jeden Fall wissen sollte.“
„Gerne. Also, tja, wo fang ich an. Äh… Ich habe früher Basketball gespielt, aber heute nicht mehr. Musste ich während des Studiums aufgeben, hatte einfach keine Zeit mehr. Aber ich sehe es immer noch sehr gerne im Fernsehen. Sehr zum Leidwesen meiner Frau. Was ich mit meiner Frau gemeinsam habe ich die Freude an gutem Essen. Also nicht nur dem Essen, wir kochen auch beide sehr gerne. Was wäre sonst noch? Ja, habe ich erwähnt, dass ich einen Hund habe? Und ich komme eigentlich aus Norddeutschland. Bin als Kind viel gesegelt. Meine Frau, die kommt ja aus …“
„Vielen Dank soweit. Ich glaube, mit allgemeinen Fragen kommen wir nicht weiter. Erlauben Sie mir, ein paar gezielte Fragen zu stellen.“
„Gerne.“
„Haben Sie Freunde?“
„Viele. Wir machen jedes Jahr mindesten zwei Grillfeste bei uns zu Hause, wo wir alle Nachbarn und Kollegen einladen. Und dann noch die Freiwillige Feuerwehr. Außerdem bin ich auch noch in der Elternschaft des Gymnasiums meiner Tochter engagiert.“
„Aha. Wie oft hat Sie ein Freund mitten in der Nacht angerufen, weil er reden wollte, Hilfe brauchte oder nur alleine war?“
„Noch nie! Ich brauch doch auch meinen Schlaf!“
„Aha. Stellen Sie sich vor, sie könnten alle Momente, in denn Sie restlos, rund herum glücklich waren, aneinander reihen. Wie lange würde dieser eine Moment dann dauern?“
„Sie meinen alle glücklichen Moment zusammen?“
„Ja, alle, in denen Sie restlos glücklich waren.“
„Tja, da müsste ich schätzen, aber alle zusammen, da würde ich doch sagen, dass es mindesten 100 Stunden reinen Glücks waren.“
„100 Stunden.“
„100, jawohl. Und da habe ich wahrscheinlich sogar zwei oder drei Stunden zu niedrig geschätzt.“
„Und jetzt umgekehrt. Wie lange waren Sie, alles in allem, bisher unglücklich?“
„Das sind aber ungewöhnliche Fragen. Lassen Sie mich überlegen. Zählt schlechte Laune auch dazu?“
„Sind Sie bei schlechter Laune glücklich?“
„Nein.“
„Dann zählt sie dazu.“
„Schwer zu sagen, vielleicht 200, oder 250?“
„Also um die 250.“
„Ja, das wird wohl stimmen.“
„Als Sie ein Kind waren, hatte Sie da Träume?“
„Jeder träumt doch.“
„Nein, ich meine andere Träume: Fantasien, große Wünsche, Luftschlösser.“
„Aber natürlich.“
„Und, was waren das für Träume?“
„Ich wollte reich und berühmt werden. Ich wollte die Welt retten, oder zumindest einen einzelnen Menschen. Ich wollte, dass alle mich lieben und ich glaube, ich wollte ewig leben.“
„Und, was ist davon wahr geworden?“
„Ein Luftschloss heißt ja deshalb Luftschloss, weil es nicht wahr wird, oder?“
„Haben Sie jetzt noch Träume?“
„Ich bin erwachsen geworden.“
„Und?“
„Ich bin Realist.“
„Aha. Lassen Sie mich ehrlich sein. Wir haben natürlich auch Erkundigungen über Sie eingeholt: Sie sind jetzt exakt 47 Jahre alt. Das entspricht ganz grob gerechnet 4.900.000 Stunden. Ihrer eigenen Einschätzung nach waren Sie davon etwa 100 Stunden glücklich, und 250 Stunden unglücklich. Gemäß meinen Unterlagen waren Sie aber tatsächlich nur 57 Stunden und 23 Minuten glücklich und 567 Stunden und 13 Minuten unglücklich. Das bedeutet, auf eine Stunde glücklich sein kommen rund zehn Stunden unglücklich sein. Nach Abzug dieser Stunden verbleiben, ganz grob, 4.899.375 Stunden, in denen Sie entweder geschlafen haben oder sich im gefühlten Niemandsland bewegt haben. Stunden, die Ihnen gar nicht bewusst sind, an die Sie keinerlei Erinnerung haben.
Es mag Sie vielleicht überraschen, aber das Wesen, was Sie auf der Welt am meisten liebt, ist Ihr Hund. Ihre Kinder verstehen nicht, warum Sie so lange arbeiten müssen, und Ihre Frau würde sich freuen, wenn Sie mehr Zeit mit ihr im Garten als bei der Freiwilligen Feuerwehr verbringen würden.“
„Was wollen Sie mir damit sagen?“
„Ich will es einmal so ausdrücken: Von Zeit zu Zeit darf ich einmal eine Entscheidung frei von Sachzwängen treffen, so wie jetzt. Rein aus dem Gefühl heraus, ohne Rücksicht nehmen zu müssen. Autounfall hin oder her. Und sie passen einfach noch nicht zu uns. Sie müssen weiterleben.“
Dienstag, 23. Oktober 2007 um 15:10
Hallo Axel
Hat mir sehr gut gefallen, diese Geschichte. 15 Minuten in denen ich mich amüsiert habe. Nicht ganz glücklich war, aber immer hin …
)
Grüße
Helmut
Dienstag, 23. Oktober 2007 um 20:25
Hallo Helmut,
schön, dass Dir meine Geschichte gefallen hat. Das ist nun der dritte Dialog, den ich geschrieben habe. Vielleicht wird ja einmal eine richtige Sammlung draus.
Übrigens: Herzlichen Glückwunsch zu Deinem Erfolg mit dem dritten Platz!
Beste Grüße
Axel
Dienstag, 30. Oktober 2007 um 13:13
Hi Axel,
klasse Idee, die du da hattest! Ein Text, der durch und durch lesenswert ist! Weiter so
)
Herzliche Grüße
Christiane
Freitag, 2. November 2007 um 20:06
Hallo Christiane,
vielen Dank für die Blumen. Das ganze geht auf eine Idee meiner Frau zurück, die sagte: „Schreib doch ‘mal was über den Tod.“ Und das ist dabei herausgekommen. Etwas über das Leben. Aber das sind wohl eh die zwei Seiten der gleichen Medaille.
Beste Grüße
Axel