Dialog: Wie der Sand zwischen meinen Fingern


Wie der Sand zwischen meinen Fingern

Von: Axel Baumgart

„Jetzt liegen wir schon den ganzen Vormittag am Strand und haben noch kein Wort gesprochen.“

„Aber man muss doch nicht immer reden, oder? Ich finde es auch ‚mal schön, nichts sagen zu müssen.“

„Aber wir reden gar nicht mehr. Gestern und die Tage davor haben wir auch hier gelegen und nichts gesagt.“

„Aber wir haben doch abends geredet. Wir haben überlegt, ob wir im Hotel essen oder weggehen. Wir haben besprochen, was wir heute machen. Ich hab vorgeschlagen, einen Mietwagen zu nehmen und die Insel zu erkunden. Du wolltest aber lieber wieder an den Strand. Wir reden doch.“

„Ja, wir bereden Dinge, aber wir reden nicht richtig miteinander.“

„…“

„Warum sagst du nichts?“

„Ich wollte dir die Gelegenheit geben, richtig mit mir zu reden.“

„So funktioniert das nicht.“

„Wie funktioniert das nicht?“

„Na so eben. Auf Knopfdruck.“

„Und wie geht es dann?“

„Spontan. Es muss sich ergeben.“

„Wenn es sich in letzter Zeit nicht ergeben hat, dann ist das doch auch nicht tragisch, oder?“

„Nein, ist es nicht. Ist mir halt nur aufgefallen. Früher haben wir viel öfter geredet. Über Gott und die Welt. Über uns. Unsere Ziele, Träume. Unsere Pläne.“

„Aber das haben wir alles schon längst besprochen. Und viel von dem haben wir auch erreicht. Uns geht es doch gut. Ich weiß gar nicht, worüber du dich beschwerst.“

„Ich beschwere mich ja gar nicht. Ich meine nur, es war früher anders zwischen uns.“

„Ist doch auch klar. Wir sind älter geworden, ruhiger. Vielleicht auch reifer. Wir sind eben nicht mehr die jungen Studenten. Wir haben einen Job, Erfolg und Verantwortung. Da ist es auch logisch, dass wir uns verändert haben.“

„Das meine ich aber nicht. Wir waren uns früher … näher.“

„Da waren wir auch den ganzen Tag zusammen. WG, Vorlesungen, und abends dann auch.“

„Stimmt. Aber das kann nicht die Ursache sein. Die Liebe lässt doch nicht nach, nur weil man sich nicht mehr den ganzen Tag sieht?!“

„Moment! Was passiert hier gerade? Willst du mir sagen, dass du mich nicht mehr liebst?“

„Nein, natürlich nicht! Ich will nur sagen, dass ich glaube, dass sich etwas verändert hat. Früher war alles so großartig, so strahlend. Und jetzt ist es so … normal. So wie bei allen. Irgendwie nichts Besonderes mehr.“

„Naja, vielleicht ist das eben so, wenn der Alltag aus Verliebtheit Liebe macht.“

„…“

„Man kann ja nicht sein Leben lang frisch verliebt sein. Irgendwann kommt der Alltag.“

„Und im Alltag gibt es keine Verliebtheit? Und überhaupt, warum heißt Liebe eigentlich, dass alles normal und nichts Besonderes mehr ist? Gerade die Liebe sollte doch tiefer gehen als die anfängliche Verliebtheit. Ich habe geglaubt, dass man sich nicht näher sein kann, als wenn man sich liebt.“

„Ich meine ja nur, dass alles in ruhigeren Bahnen geht und nicht mehr so aufgeregt ist. Man kennt sich, versteht sich auch ohne Worte. Man weiß, was der andere mag und was nicht, es muss nicht mehr alles besprochen werden. Das ist schön, wenn man sich so gut kennt. Das ist doch auch eine Art von Nähe.“

„Ich finde das auch ein wenig traurig.“

„Was denn?“

„Dass man sich so nahe ist, dass man sich nichts mehr zu sagen hat.“

„Versteh ich nicht.“

„Hab ich mir gedacht.“

„Dann erkläre es mir.“

„Stell dir vor, dies wäre unser erster Urlaub, vor 20 Jahren. Wir hätten Muscheln gesammelt, Wolken gezählt, das Universum in einer Hand voll Sand entdeckt. Du hättest mir von deinen Träumen erzählt, was dich bewegt. Du weißt was ich meine. Wir hätten uns miteinander beschäftigt.“

„Das mit den Träumen und Plänen hatten wir doch schon. Und um mit Sand zu spielen, sind wir vielleicht ein wenig zu erwachsen, oder?“

„Ich spiele immer noch gerne mit Sand. Schau mal, egal, wie viel Sand ich in die Hand nehme, wenn ich die Hand aufmache, ist er nach einer Weile weg. Nur ganz wenige Sandkörner sind noch zwischen den Fingern hängengeblieben. Ist das die Liebe? Ist sie wie der Sand zwischen meinen Fingern?“

 

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