Dialog: Typisch deutsch


Typisch deutsch [eine Spielszene für zwei Personen]
Von Axel Baumgart

In einer mitteldeutschen Kleinstadt sitzen zwei Männer im Wartezimmer eines Arztes. Der erste hat einen Kopfverband, deutlich erkennbare Hämatome im Gesicht und ein geschwollenes Auge. Er hat braune Haare, trägt eine Jeans und ein kariertes Hemd. Er ist etwa 50 Jahre alt. Der zweite ist blond, hat ein weißes Hemd und eine Stoffhose an und ist um die sechzig. Er hat keine auf den ersten Blick erkennbare Krankheit, sitzt aber mit krummen Rücken etwas schief auf dem Stuhl. Der blonde Mann beugt sich zu dem anderen Patienten und beginnt zu sprechen:

„Der Doktor hat ja wirklich einen guten Ruf.“

„Hm …“

„Da wartet man doch gerne etwas länger.“

„Hm …“

Der Patient mit dem Kopfverband nimmt sich eine Zeitung und beginnt zu lesen.

„Ich bin schon drei Jahre Patient hier. Und davor bei seinem Vorgänger. Aber der hat meine Rückenprobleme nie in den Griff bekommen.“

„Hm …“

Der Patient mit dem krummen Rücken ignoriert den offensichtlichen Wunsch des anderen Patienten zu lesen und redet weiter.

„Jahrelang hat der rumprobiert und keine Lösung gefunden. Na ja, war halt auch ein Italiener. Vielleicht sind die in Italien ja noch nicht so weit mit der Medizin.“

„Hm …“

„Mein Zahnarzt hat einen Patienten, der ist Spanier. Oder Portugiese. Macht ja eh fast keinen Unterschied. Der ist auch nie zufrieden mit seinen Zähnen und Kronen. Die verstehen eben einfach nicht, wie moderne Medizin funktioniert.“

„Hm …“

„Egal ob Griechenland, Türkei oder die ganzen anderen ehemaligen Ostblockländer, die sind auch ganz allgemein noch nicht so weit wie wir.“ Der immer noch lesende Patient dreht dem Sprecher etwas den Rücken zu, in der Hoffnung, in Ruhe gelassen zu werden. Vergebens. „Drum sind ja auch so viele von denen hier. Schauen sich an, wie alles funktioniert, gehen dann zurück und versuchen, uns fertigzumachen. Aber das hat noch nie funktioniert.“

„Hm …“

„Bei den Holländern, wissen Sie, da ist es ja ganz schlimm. Da bekommen ja die ganzen Ausländer sogar einen holländischen Pass. Wegen der Kolonien. Oder in Frankreich. Wegen Algerien. Da ist es hier schon viel besser. Man sieht direkt, wer ein Ausländer ist und wer nicht.“

„Hm …“

Der Leser legt demonstrativ die Zeitung weg und nimmt geräuschvoll eine neue.

„Wissen Sie, ich habe ja keine Vorurteile oder so. Und ich habe auch nichts gegen diese Leute. Aber es ist doch schlimm, wenn sich auch die Kinder und Enkel nicht integrieren können, oder?“

In der Hoffung, dass der Redefluss aufhört, wenn das „Hm“ unterbleibt, schweigt der Leser.

„Ich meine ja nur, dass es so ist, dass wir uns immer anpassen müssen. Oder gab es in Ihrer Kindheit Knoblauch im Supermarkt? Oder Pizza? Oder dieses andere Zeug. Aber Sie wissen ja bestimmt, was ich meine. Ich will ja nur sagen, dass ein Schnitzel mit Kartoffeln und Salat doch auch was Feines ist, oder?“

„Hm …“

Der Sprecher verrückt seinen Stuhl etwas, um in das Gesicht des Lesers sehen zu können.

„Gucken Sie doch nur `mal in die Zeitungen. Da steht alles drin. Oder schauen Sie die Nachrichten im Fernsehen. Dann sehen Sie, was ich sagen will. Die meisten von uns wissen doch gar nicht, was für ein Glück sie haben, hier richtig leben zu dürfen. Und nicht nur zu Gast zu sein. Darum heißt es doch „Gastarbeiter“, oder?

„Hm …“

„Na ja, ich jedenfalls bin stolz drauf. Wissen Sie, letztens, da habe ich gesehen, wie …“

Aus dem Lautsprecher des Wartezimmers erklingt plötzlich eine weibliche Stimme: „Herr Dobrietzky. Zimmer drei bitte. Herr Pawel Dobrietzky, bitte!“ Es klickt, und der Lautsprecher verstummt . „Oh, das bin ich. Aber haben Sie es bemerkt? Noch so eine. Kann nicht `mal meinen Namen richtig aussprechen!“

„Hm …“

Während der Mann mit den gekrümmten Rücken das Wartezimmer verlässt, formt sich auf den Lippen des anderen Patienten nur ein Wort:

„Ascheloch!“

2 Responses to Dialog: Typisch deutsch

  1. Carsten sagt:

    Hallo Axel!

    Eine köstliche Geschichte, treffend und absolut gut pointiert.
    Gefällt mir gut.
    Weiter so!!!!

    VG
    Carsten

  2. Axel Baumgart sagt:

    Hi Carsten,

    vielen Dank. Ich muss ehrlich sagen, dass ich dieses Text auch ausgesprochen gerne geschrieben habe …

    Beste Grüße
    Axel

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