Kurzgeschichte: Die Anderen



Die Anderen
Von Axel Baumgart

Der Feuerwehrmann kämpft mit den Tränen. Erbarmungslos zoomt die Kamera auf den Tropfen, der sich aus dem Augenwinkel löst. Das ist genau die Art von Bild, die die Reporterin sucht. Das Bild muss eine Geschichte erzählen, die über die eigentliche Meldung hinausgeht. Etwas, was die Nachrichtensender der Konkurrenz nicht bringen.

„Sie haben sie aus dem Fenster geworfen. Aus dem zweiten Stock. Ihre eigene Tochter.“ Ungläubig schaut der Feuerwehrmann auf seine Hände. „Es war pures Glück, dass ich sie gefangen habe. Um ein Haar hätte ich sie nicht festhalten können. Oder einfach daneben gegriffen. Zwei! Wir haben zwei Kinder mit unseren bloßen Händen aufgefangen.“

Die Reporterin schaut betroffen. Die Geschichte kennt sie schon. Nach einer kunstvollen Pause fragt sie: „Wissen Sie schon, wie viele Menschen in dem Haus waren?“

Ohne Zögern antwortet der rußverschmierte Feuerwehrmann. „Zu viele. In einem brennenden Haus sind immer zu viele Menschen. Ganz egal wie viele es sind.“

Man sieht der Reporterin an, dass ihr die Antwort nicht reicht. „Haben es denn alle geschafft? Ich meine, konnten Sie alle retten?“

„Zur Zeit werden noch neun Personen vermisst, die sich wohl in dem Haus aufgehalten haben. Darunter auch Kinder.“

„Wie furchtbar. Man hört, Sie mussten zwei Kinder zurücklassen, obwohl Sie die Stimmen hörten und wussten, wo sie sind?“

„Ja. Das war das Schlimmste, was ich bisher erleben musste. Wir merkten, dass die Decke instabil wurde. Die Kinder waren in einem Zimmer, welches völlig von den Flammen eingeschlossen war. Wir hätten noch mindestens eine halbe Stunde gebraucht, um zu ihnen durchzukommen. Aber es wurde zu gefährlich, wir mussten unser eigenes Leben schützen. Das war die schwerste Entscheidung meines Lebens.“

„Das glaube ich Ihnen. Wie schrecklich. Wie konnte es überhaupt so weit kommen? War die Feuerwehr zu spät am Einsatzort?“

„Im Gegenteil. Wir waren sogar ausgesprochen schnell da. Aber das Feuer breitete sich mit einer so rasanten Geschwindigkeit aus, da mussten wir uns einfach irgendwann aus dem Gebäude zurückziehen, um uns nicht selber in Lebensgefahr zu bringen. Wir warteten bis zuletzt. Es ist so schwer, den richtigen Zeitpunkt für eine solche Entscheidung zu finden. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, noch jemanden zu retten, wie groß ist das Risiko für die Retter. Ich traf die Entscheidung. Ich würde sie wohl wieder so treffen, auch wenn sie mich mein Leben lang verfolgen wird.“

Ein unechtes Lächeln umspielt die Lippen der Frau. „Die Leute werden Sie trotzdem als Helden feiern. Immerhin haben Sie siebzehn Menschen aus dem Haus retten können.“

„Wir machten nur unsere Arbeit, so gut wir konnten.“

Im Laufe des Gespräches versammeln sich immer mehr unverletzt gerettete Hausbewohner, Verwandte, Freunde und Schaulustige um die Reporterin und den Feuerwehrmann. Stumm lauschen sie dem Interview.

„Können Sie schon etwas zur Ursache des Brandes sagen? Wie man hört, soll es Brandstiftung gewesen sein.“

„Verstehen Sie bitte, dass wir jetzt, nach so kurzer Zeit, noch nichts zur Ursache sagen können. Und falls es Brandstiftung war, wäre das auch Sache der Polizei.“

„Und ein mögliches Motiv?“

„Wie gesagt, das ist, wenn es so kommen sollte, Sache der Polizei.“

„Was ist denn Ihre persönliche Sicht?“

„Persönlich? Ich denke, das ist eine unglaubliche Tragödie. Meine Kollegen und ich leisteten gute Arbeit. Wir gingen bis an unsere Grenzen. Wir wünschen uns, dass wir mehr hätten tun können.“

Einer spontanen Eingebung folgend sagt die Reporterin: „Es gibt jetzt schon Stimmen, die behaupten, die Anderen hätten das Feuer gelegt. Wie schon zu anderen Gelegenheiten. Um die Bewohner zu vertreiben. Ohne Rücksicht auf Menschenleben.“ Jetzt endlich hat sie das Gefühl, die Geschichte hinter der Geschichte zu bekommen. Schnell legt sie nach: „Und dass die Feuerwehr so früh aus dem Haus gegangen sei, damit das Feuer sich voll entwickeln kann, um alle Spuren zu vernichten.“

„Was? So ein Quatsch. Auch wenn das Haus komplett abbrennt, bleiben immer noch Spuren zurück.“

„Das Haus wird also komplett abbrennen?“

„Das habe ich nicht gesagt. Sie sehen doch, dass meine Leute immer noch Löschen.“

„Werden durch das Wasser nicht wertvolle Beweise vernichtet?“

„Was sollen wir denn tun? Sollen wir es einfach abbrennen lassen?“

„Sie sagten doch eben selber, dass auch dann noch genug Spuren und Beweise bleiben.“

Aus der zunächst ruhig und gebannt zuhörenden Menge werden immer häufiger und immer lauter Rufe hörbar.

„Unglaublich!“ – „Anderer!“ – „Das gibt es doch nicht!“, sind noch die freundlichsten. Nach dem letzten Satz der Reporterin erklingt das eine Wort, welches die unumkehrbare Kette von Ereignissen auslöst: „MÖRDER!“

„Hören Sie, die Leute geben Ihnen zumindest eine Mitschuld am Tod der Menschen.“

„Was? Wir haben das Feuer doch nicht gelegt. Das waren andere!“

„Aha, Sie wussten also doch, dass das Feuer von den Anderen gelegt wurde!“

„Nein, das habe ich nicht gesagt. Ich meine, falls es so war. Auf jeden Fall nicht wir. Andere als wir eben.“

Die Menge wird zusehends unruhiger. Vereinzelte versuchen, den Ring, der sich gebildet hat, zu durchbrechen. Man sieht die Wut in ihren Gesichtern.

„Ich will das einmal so stehen lassen, denn schließlich ist zum jetzigen Zeitpunkt nichts bewiesen“, beendet die Reporterin schnell das Gespräch. Bevor die Situation eskaliert, ziehen sich sowohl die Reporterin als auch der Feuerwehrmann zurück. Die Frau kann den Ring der Zuschauer unbehelligt durchbrechen.

Einige Tage später – eine gute Geschichte kann sie sich nicht entgehen lassen – ist sie wieder am Ort des Geschehens. Diesmal ist allerdings nicht der Feuerwehrmann ihr Gesprächspartner.

„Schön, dass Sie sich bereit erklärt haben, zu den Vorfällen Stellung zu nehmen. Wir akzeptieren natürlich, dass Sie anonym bleiben wollen. Es hat sich ja nun herausgestellt, dass die Brandursache unsachgemäß verlegte Elektroleitungen waren und nicht Brandstiftung. Wie konnte es dennoch zu den Vorfällen im Anschluss an das Feuer kommen?“

„Wir fühlten uns bedroht, hatten Angst. Viele von uns kannten die Bewohner aus dem Haus seit Jahren, auch die Opfer. Und das war auch nicht das erste Haus, was brannte. Wissen Sie, wie das ist, abends zu Bett zu gehen, und Angst zu haben, dass Ihnen das Haus über dem Kopf angezündet wird?“

„Aber es wurden die Feuerwehr und die Polizei angegriffen. Mehrere Menschen wurden von der Menge ernsthaft verletzt, einer fast getötet.“

„Die Menschen waren wütend und aufgeheizt. Alles schien darauf hinzudeuten, dass es sich um Brandstiftung durch die Anderen handelte. Wie leben nun einmal in unserer Kultur, pflegen und lieben unsere Wurzeln. Auch wenn das den Anderen nicht gefällt.“

„Bei den Angegriffenen hat es sich um die Feuerwehrleute gehandelt, die unter Einsatz ihres eigenen Lebens in dem brennenden Haus versucht haben, so viele Menschen wie möglich zu retten. Wie wollen Sie das entschuldigen?“

„Wie bitte? Ich entschuldigen? Ein Feuerwehrmann gab noch am Abend des Brandes im Fernsehen quasi zu, ein Anderer zu sein, unsere Lebensweise damit zu verachten. Und wir sollen uns entschuldigen? Im Gegenteil. Wir fordern eine öffentliche Entschuldigung von Feuerwehr, Polizei und Staat. Die Enthüllungen im Anschluss an den Brand haben eine eklatante Missachtung unserer Kultur und unserer Lebensweise aufgedeckt.“

„Übertreiben Sie da nicht ein wenig? Glauben Sie nicht, dass Sie auch Schuld an der Eskalation hatten?“

„In keiner Weise. Das Verhalten des Feuerwehrmannes, der Polizei und der Staatsorgane beleidigte uns in einem Maße, dass die Ereignisse im Anschluss an das Interview eine fast zwangläufige Folge waren. Natürlich werden wir, friedliebend wie wir sind, den entsprechenden Stellen vergeben, wenn sie sich in angemessener Form entschuldigen. Der Staat muss sich seiner Verantwortung stellen und erkennen, dass nicht immer andere Schuld haben.“

2 Responses to Kurzgeschichte: Die Anderen

  1. Carsten sagt:

    Hallo Axel !

    Sehr gelungen. So gefällt mir die Geschichte außerordentlich. Weniger Action, aber dafür mehr zum nachdenken. Fein gemacht!

    VG
    Carsten

  2. Axel Baumgart sagt:

    Hi Carsten,

    danke für die netten Worte. Deine Tipps (Christianes Rat ging in eine ganz ähnliche Richtung. So sind sie halt, die Drachenkinder…) waren auch sehr hilfreich.

    Beste Grüße
    Axel

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