Kurzgeschichte: Tiefe Wasser


Tiefe Wasser
Von Axel Baumgart

Ich bin aber auch ein Blödmann. Wie konnte ich mich nur überreden lassen. Ich kann nicht schwimmen und konnte es noch nie. Weder hatte ich jemals das Bedürfnis, schwimmen zu lernen, noch hätte ich jemals eine Situation erlebt, in der ich als Nichtschwimmer einen Nachteil gehabt hätte. Als Gabi und Thomas dann mit der Idee kamen, wir könnten doch einmal einen gemeinsamen Segelurlaub machen, lachte ich herzhaft und lange, wussten die beiden doch nur zu gut um mein Verhältnis zu Wasser, sobald es tiefer und größer als eine Badewanne wurde. Nachdem ich mich beruhigt hatte, machten sie mir allerdings sehr schnell klar, wie Ernst ihnen der Vorschlag war. Auf diese Weise, waren sich beide sicher, würde ich nicht nur meine Angst vor dem Wasser verlieren, sondern auch durch das zumindest teilweise Leben auf dem Wasser eine ganz neue Lebensperspektive bekommen. Zugegeben, eine neue Lebensperspektive reizte mich schon. Meine Firma hatte vor Kurzem Pleite gemacht und vor einer Woche, während ich auf einer sinnlosen Weiterbildung des Arbeitsamtes die Zeit tot schlug, war meine Frau mit unseren Kindern und dem Hund ausgezogen. Bis heute weiß ich nicht, wo genau sie ist.

Eine neue Lebensperspektive also. Auf einem kleinen Boot mit sechs segelnden Touristen und einem Kapitän. Umgeben von Wasser. Viel und tief. Immerhin war mir wiederholt und beinahe glaubhaft versichert worden, dass diese Art Boote völlig unsinkbar seien. Ja nicht einmal richtig kentern könnten sie. Solange ich nur an Bord bliebe, wäre ich mindestens so sicher wie an Land. Wie gesagt, eine neue Lebensperspektive konnte ich brauchen. Ich kann heute nicht mehr genau sagen, was den Ausschlag gegeben hatte, aber ich willigte ein. Ich, der Nichtschwimmer mit einer ausgeprägten Aquaphobie, sagte zu, zwei Wochen auf einem Segelboot durch das Mittelmeer zu schippern. Abends sollten wir immer einen Hafen anlaufen, aber den ganzen Tag würden wir auf dem Meer sein, umgeben von nichts als ausgesprochen wenig Boot und ausgesprochen viel Wasser.

Wie dem auch sei. Ich kann es jetzt nicht mehr ändern. Ich bin nun schon drei Tage auf diesem kleinen Ding, sitze hinten, ach nein, achtern heißt das ja, und bin peinlich darauf bedacht, immer die windstille Seite, ach nein, Lee heißt das, zu wählen, wenn ich Neptun opfern möchte. Man sieht, man muss nicht schwimmen können zum Segeln, aber man muss Vokabeln lernen. Auf gut deutsch heißt dass: Ich versuche, nicht gegen den Wind zu kotzen. Darauf war ich nicht eingestellt: Seit drei Tagen kotze ich mir die Seele aus dem Leib. Man war ich naiv. Ich hatte wirklich geglaubt, dass meine Angst vor Wasser das Hauptproblem sein würde. Ha! Mal sehen, was wir da alles haben: Als Alleinreisender gibt es keine Einzelzimmer, äh, Kojen. Was bedeutet, dass ich mir mit einem mir völlig unbekannten, stinkenden Vollbartträger, Paul, ein Doppelbett teilen muss. Wenn ich dann morgens endlich aufstehen darf, muss ich zum Duschen quer durch die Hafenanlagen laufen, um zu einem Gemeinschaftsduschhaus zu kommen, wenn ich es denn überhaupt finde. Wie erwähnt: jeder Abend ein anderer Hafen. Da wir im Mittelmeer sind, haben wir hier Gemeinschaftsduschhäuser mit südländischer Hygiene. Toll! Einmal sauber geht es den ganzen Weg zurück zum Boot, um dann in dem Mini-Aufenthaltsraum, Entschuldigung, Pantry, zu frühstücken. Kaum ist etwas drin, im Magen, geht es wieder raus auf das Meer, damit das, was drin ist, im Magen, sofort wieder rauskommt, ins Meer. Sollte sich mein Magen jemals beruhigen, sehe ich schon das nächste Problem auf mich zukommen. Momentan stehe ich noch unter einer Art Artenschutz. Ich befürchte, sobald es mir besser gehen sollte, werden von mir bestimmte Dienstleistungen auf dem Boot eingefordert. Küchendienst, will sagen Backschaft, oder schlimmer noch irgendwelche gewagten Manöver auf Deck – na also, es geht doch – oder ganz vorne auf dem Boot, also im Bug (oder auf dem Bug?). Und ich habe wirklich keine Lust, vom Boot in das ganze Wasser zu fallen.

Heute geht es mir etwas besser und ich habe zu ersten mal mein Frühstück und mein Mittagessen bei mir behalten. Nein, ich fühle mich nicht wohl, aber mein ständiges Opferritual zugunsten Neptuns scheint ein Ende zu haben. Aber irgendetwas sagt mir, dass heute trotzdem nicht wirklich ein guter Tag wird. Gabi, Thomas, der bärtige Paul, Lothar der Kapitän, äh, Skipper, und das Pärchen, deren Namen sich mir nicht einprägen wollen, tuscheln schon seit dem Frühstück und grinsen immer in meine Richtung. Ich glaube einfach nicht, dass sie sich nur darüber freuen, dass sich mein Magen zu beruhigen scheint. Ich habe den schweren Verdacht, dass mehr dahinter steckt, und dass ich mich darüber nicht freuen werde.

Ach, was soll es. Ich habe meinen Magen in den Griff bekommen, das Boot ist unsinkbar, und letzte Nacht hat sogar Paul so leise geschnarcht, dass ich fünf Stunden durchschlafen konnte. Egal was heute kommt, ich werde es überleben. Noch elf Tage. Besser gesagt, noch zehn und der Rest von heute.

Gerade kommt Paul auf mich zu und fragt, ob es mir besser geht. Ich antworte, dass es so gehe, aber dass ich wohl nie ein großer Freund kleiner Boote und großer Wassermengen werde. Paul antwortet, dass das alles eine Frage der Einstellung und der positiven Erfahrungen sein. Unmittelbar denke ich, dass Paul nicht nur ein bärtiger, schnarchender Stinker, sondern auch ein bärtiges, schnarchendes Arschloch ist. Was glaubt denn dieser Penner, wie positiv wohl die Erfahrung sein kann, drei Tage am Stück zu kotzen begleitet von der ständigen Angst, ins Wasser zu fallen. Paul errät meine Gedanken offensichtlich nicht. Er klopft mir mit seiner Pranke freundschaftlich auf den Rücken und meint, dass das alles schon werde. Man hätte sich auch schon überlegt, wie man mir helfen könne, grinst, und verschwindet. Ich versuche ihm nachzugehen, um mehr zu erfahren und stelle erstaunt fest, wie gut er es schafft, mir auf dem winzigen Boot aus dem Weg zu gehen. Die anderen schweigen verschworen. Entgegen meiner Vermutung passiert heute nichts Außergewöhnliches außer der Tatsache, dass ich wirklich jede Mahlzeit bei mir behalte. Sogar das Duschhaus heute Abend ist verhältnismäßig sauber. Sollte es doch ein erträglicher Urlaub werden?

Seit vier Tagen esse und trinke ich, gestern habe ich sogar einmal gelacht. Auf offener See! Und das, obwohl erst eine Woche vorbei ist. Ich habe auf sanften Druck der anderen begonnen, mich vorsichtig an den Manövern zu beteiligen. Vielleicht wird es jetzt ja sogar schön. Seit sieben Tagen denke ich nicht mehr daran, dass ich arbeitslos und von meiner Familie verlassen bin. WUMMMS! Da ist sie wieder, meine alte, eigentlich nicht existierende Lebensperspektive. Sofort krampft sich mein Magen zusammen. Die anderen bemerken es nicht. Die sind viel zu sehr mit sich selber beschäftigt. Das namenlose Pärchen verabschiedet sich gerade. Nach dem Frühstück haben sie verkündet, dass sie die zweite Woche nicht mehr mitfahren werden. Segeln sei nichts für sie und sie würden lieber die letzte Woche ihres Urlaubs in einem schönen Hotel auf dem Festland verbringen. Diese Weicheier. Warum habe ich nicht diesen Mut. Irgendwie fühle ich mich wohl Gabi und Thomas verpflichtet, und eigenartiger Weise auch dem bärtigen, stinkenden Penner Paul. Also halte ich durch. Wenigstens habe ich jetzt meine eigene Koje, mein Refugium, meinen Freiraum, so klein er auch sein mag.

Das fehlende Pärchen macht sich bemerkbar. Es ist mehr Platz auf dem Boot, sowohl auf als auch unter Deck. Aber es ist auch mehr zu tun. Ich habe weniger Gelegenheit, einfach einmal tatenlos rumzusitzen. Nichts tun ist auf so einem kleinen Boot mit dem natürlich eingeschränkten Freizeitangebot ohnehin erstaunlich schwer. Mit nunmehr nur vier Touristen als Crew und einem Skipper ist es fast unmöglich. Auf meine Angst vor dem Wasser und meinen immer noch etwas empfindlichen Magen wird keine Rücksicht mehr genommen. Ich muss mich an allen Manövern an Bord beteiligen. Und es macht mir nicht aus. Es macht mir nichts aus. Verdammt, ich will, dass es mir nichts mehr ausmacht! Wanten, Spinnaker, Hauptsegel, Palsteg, halber Schlag, doppelter Schlag, wenden, halsen, ja es macht mir nichts aus. Gar nichts.

Zwei Tage ist das Pärchen schon weg, und ich fühle mich als vollwertiges Mitglied der Crew. Ich denke bei den Manövern an Bord gar nicht mehr an die Gefahr, die mir als Nichtschwimmer droht, sollte ich von Bord fallen. Ich falle einfach nicht von Bord, und dann passiert auch nichts. Eben hat uns der Skipper offenbart, dass wir den Tag genießen sollten, denn gemäß Wetterfunk habe das ruhige Rumsegeln nun ein Ende. Für die verbleibenden fünf Tage seien starke und wechselnde Winde angesagt. Ich habe keine Ahnung, was das für mich bedeutet, aber ich werde es morgen, spätestens in den nächsten Tagen erfahren. Ich kann mir nicht erklären, was mit mir los ist, aber ich freue mich richtig auf die Herausforderung.

Wir haben angelegt, uns mit Lebensmitteln versorgt und geduscht. Jetzt sitzen wir an Bord und erfreuen uns an dem Rotwein, der ob des sogar im Hafen spürbaren Wellengangs bedenklich im Glas hin und her schwappt. Gabi will wissen, wie denn die letzten beiden Tage für mich gewesen seien. Die erste Woche sei ja nur laue Eingewöhnung gewesen, aber jetzt würden wir richtig segeln. Ich schaue auf meine Hände, betrachte die Schwielen und Blasen, spüre den Muskelkater in meinen Oberarmen und meinem Bauch, denke an die letzten Tage auf See und versichere, dass ich mich seit Langem nicht mehr so wohl gefühlt habe. Ich danke Gabi und Thomas für die Idee mit diesem Urlaub und äußere die Vermutung, dass für mich nach diesem Urlaub tatsächlich ein neues Leben beginnen könne. Ob mir denn meine Frau und Kinder nicht fehlten, mischt Thomas sich in das Gespräch ein. WUMMMS! Da ist es wieder, dieses Gefühl im Magen. Danke Thomas. Natürlich fehlen sie mir. Sie fehlen mir so sehr, wie mir in der ersten Woche auf See das Festland gefehlt hat. Ich kann nicht ohne, werde aber dazu gezwungen. Aber das sage ich Thomas nicht. Er soll nicht das Gefühl haben, einen wunden Punkt getroffen zu haben. Stattdessen sage ich, dass es so gehe und ich zu beschäftigt sei, mir darüber im Moment wirklich Gedanken zu machen. Aber ich wäre doch nun auch wirklich ein Arschloch gewesen. Hätte Klaudia betrogen, die Kinder geschlagen, viel zu viel getrunken. Da wäre es doch nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sie weg wäre. Da mischt sich Paul ein. Frauen würden in aller Regel ihre Männer viel zu spät verlassen, zu viel ertragen. Wenn sie früher gingen, wäre es für sie besser und auch für den Mann leichter. Nach allem, was er so gehört hätte, und das bliebe auf dem kleinen Boot nun einmal nicht aus, wäre Klaudia wirklich ganz arm dran gewesen. Dieser Wichser. Aber endlich weiß ich, was die immer zu tuscheln hatten. Ich sage Paul, er soll sich um seinen Kram kümmern. Langsam wird es mir zu bunt. Jetzt kommt auch noch der Skipper und ermahnt mich, ich solle keinen Streit anfangen. Das wäre das Allerschlimmste auf einem Boot. Was ist das denn für ein Arschloch. Ich habe doch gar nichts gesagt. Ich gehe bald ins Bett, weil ich müde bin und die Schnauze voll habe.

Der nächste Tag zeigt mir deutlich, warum ich immer noch Angst vor dem Meer habe. Die Wellen gehen so hoch, dass sie Wasser über die Bordwand ins Boot spülen. Seit dem Auslaufen habe ich keine trockenen Füße mehr. Der Wind zerrt an den Segeln, und ich muss meine gesamte Kraft aufwenden, um bei den jetzt sehr schnell auszuführenden Manövern meine Handgriffe durchführen zu können. Eine Blase in meiner rechten Hand ist aufgegangen und blutet. Die anderen tragen Handschuhe, aber mir hat keiner gesagt, dass ich die brauchen würde. Eben ist mir eines dieser kleinen, dünnen, nassen Seile – scheißegal, wie die richtig heißen – durch die Hand gerutscht. Es brennt wie die Hölle. Durch das Toben der Wellen und das Brüllen des Windes verstehe ich gar nicht, warum so eine Aufregung herrscht. Mein Gott, mir ist das Seil durch die Hand gerutscht. Na und?! Ich bin ein Anfänger. Ich kann nicht erkennen, wer, aber einer brüllt mich an, dass ich doch ein Vollidiot sei. So ein Weichei, das weder seine Frau, noch das Tau richtig halten kann. Jetzt erkenne ich, dass Thomas es ist. Ich bewege mich auf dem engen Boot auf ihn zu, was bei dem Wellengang ein gefährliches Unterfangen ist.

Was er da gerade gesagt habe, will ich wissen. Ich hätte das schon ganz richtig verstanden, bekomme ich zur Antwort. Ich hebe meine rechte Hand, am liebsten würde ich ihm eine knallen. Er erkennt meine Absicht und weicht zurück. Unglücklicherweise wird seine Ausweichbewegung durch einen heftigen Wellenschlag an die Bordwand unterstützt. Er taumelt, verliert das Gleichgewicht und stürzt im selben Moment über die Reling. Scheiße, so eine verdammte Scheiße. Mit rasender Geschwindigkeit entfernen wir uns von dem kleinen gelben Fleck, der auf den Wellen tanzt und von dem wir wissen, dass es Thomas in seiner Schwimmweste ist. Der Skipper brüllt Befehle, Paul und Gabi schreien auf mich ein, Gabi packt und schüttelt mich. Paul zeigt mir mit seinem Mitelfinger unmißverständlich, was er von mir hält, versucht aber, den Befehlen des Skipper zu folgen. Gabi hängt immer noch an mir.

Der Skipper brüllt einen Befehl. Ich erinnere mich, dass nach diesem Befehl sich das Segel von der einen auf die andere Bootsseite dreht. Dabei fegt immer der Segelbaum über das Deck und verursacht furchtbare Beulen am Kopf, wenn man nicht aufpasst. Instinktiv ducke ich mich. Gabi nicht. Der Segelbaum trifft sie mit voller Wucht und schleudert sie über Bord. Sie hängt immer noch an mir und zieht mich in die Tiefe. Der Skipper wütet und verlangt, dass ich sie festhalte. Ich bin müde, Gabi wird immer schwerer. Immer noch ist keiner da, der mir hilft. Wind und Wellen peitschen mir ins Gesicht. Ich spüre, dass ich den Halt verliere. Nicht mehr lange, und Gabi zieht mich ins Wasser. Mit harten, panischen Fausthieben schlage ich auf ihre Finger, die sich in meine Schwimmweste krallen. Irgendwann lässt sie endlich los. Ich bin noch an Bord.

Paul sieht mich an, bindet sich wortlos ein Seil um die Brust und springt hinter Gabi her. Wild gestikulierend versucht der Skipper mir gegen den Sturm etwas zuzurufen. Ich verstehe nichts, sehe jedoch, wie er immer wieder auf das am Boden liegende Seil deutet. Ich verstehe erst, als ich bemerke, wie die Rolle schnell kleiner wird. Hektisch versuche ich, das Ende des Seils irgendwo festzuknoten. Gerade noch rechtzeitig werde ich fertig und blicke stolz in die Richtung des Skippers als ich spüre, wie ein Seil meine Beine streift. Ich registriere, das sich mein Knoten löst. Schnell greife ich zu. Zum zweiten Mal an diesem Tag rutscht mir ein Seil durch meine geschundenen Hände.

Bewegungslos und stumm steht der Skipper am Ruder und starrt mich an. Mein Gott, denke ich, er müsste doch jetzt irgendetwas intelligentes tun. Immerhin sind wir in Lebensgefahr. Ich glaube nicht, dass wir die anderen noch retten können. Aber wir können uns retten. Er kann uns retten. Hoffentlich. Eben konnte ich noch die Küste durch die spritzende Gicht erahnen, jetzt sind wir nur noch von Meer, Sturm und Regen umgeben.

Der Skipper gibt mir kaum falsch zu verstehende Zeichen, dass ich mich ich unter Bord begeben soll. Ich sehe das aber nicht ein, weil ich der Meinung, dass ich auf Deck eine größere Hilfe bin als unter Deck. Immerhin geht es auch um mein Leben. Der Skipper versteht meine gute Absicht nicht und kommt trotz der tobenden Wellen auf mich zu. Er hat sich inzwischen zur Sicherheit an einer Spannleine eingehakt, muss diese Sicherung aber lösen, um nahe genug zu mir kommen zu können. Er sagt, dass ich gefälligst seinen Anweisungen zu folgen habe. Ich erwidere, dass ich ihm aber helfen möchte, und das eben nur auf Deck könne. Er bleibt uneinsichtig und versucht, mich die Treppen hinunter zu schieben. Wir rangeln kurz, und die ganze Zeit treibt das Boot ohne Steuerung im Sturm. Ohne dass wir es bemerkt haben, hat sich das Boot parallel zu den Wellen gestellt. Eine heranrollende Welle trifft und mit voller Wucht in die Seite. Ich stürze rückwärts die Treppe herunter, während sich das Boot bedenklich zur Seite neigt. Der Skipper verschwindet aus meinem Blickfeld und ich schlag hart mit dem Kopf auf den Tisch. Ich verspüre nur kurz einen Schmerz, dann wird mir schwarz vor Augen.

Als ich wieder zu mir komme, spüre ich die Sonne in meinem Gesicht, die durch eines der kleinen Fenster scheint. Das Boot schaukelt sanft, eine leichte Brise ist zu hören. Ich lebe. Ich versuche, aufzustehen und spüre einen stechenden Schmerz in meinem Kopf. Ich bewege mich langsam und vorsichtig, es kommen keine weiteren Schmerzen hinzu. Auch das Pochen im Kopf wird nicht schlimmer. Die Kabine um mich herum sieht aus, wie ein Schlachtfeld. Kleidung, Lebensmittel und verschieden Utensilien, die der Skipper benötigt, liegen wild gemischt umher. Der Skipper. Hat er es also doch geschafft und mich gerettet. Ich beschließe, nach oben zu gehen, um ihm zu danken. Hinten auf dem Boot ist er nicht. Vorsichtig gehe ich an der Reling entlang die wenigen Meter bis zum Bug. Dort ist er auch nicht. Ich gehe auf der anderen Seite zurück und wiederhole meine Runde. Der Skipper ist nicht da. Jetzt erinnere ich mich, dass eine Riesenwelle uns in die Seite getroffen hat und der Skipper plötzlich nicht mehr zu sehen war. Ich kann es nicht glauben, sogar der Skipper hat mich im Stich gelassen.

Eine neue Lebensperspektive sollte es für mich sein. Ich sitze alleine auf einem Boot, dass ich nicht segeln kann. Der Himmel ist strahlend blau und die Sonne brennt heiß. So heiß, dass auch ein leichter Wind keine Erfrischung bringt. Egal in welche Richtung ich schaue, es sieht gleich aus: Himmel, Sonne, Wasser. Ich habe Hunger und Durst. Meine neue Lebensperspektive: Himmel, Sonne, Wasser, Hunger, Durst. Ich scheiße auf meine neue Lebensperspektive. Ich will mein altes Leben zurück. Meine Familie, meinen Job, mein Haus. Aber ich glaube nicht, dass ich so bald von diesem Scheißboot wieder runterkomme. Dann will ich doch lieber mehr Nudeln. Mit Tomatensoße. Ach ja, und Trinkwasser.

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2 Responses to Kurzgeschichte: Tiefe Wasser

  1. Hotel Usedom sagt:

    Das ist die Art von Geschichte, bei der man am Anfang noch für den Hauptdarsteller ist, weil er einem Leid tut und man denkt, dass jeder eine zweite Chance verdient hat. Dann nimmt die Geschichte einen unerwarteten Verlauf, bei dem man die Hauptperson überhaupt nicht mehr verstehen kann…am Ende hat man leider gar kein Verständnis mehr für ihn, obwohl er ja eigentlich immernoch eine zweite Chance verdient hätte…

  2. Die Geschichte ist entstanden bevor ich meinen ersten Segeltörn gemacht habe. Ich war kurz nachdem ich die Geschichte geschrieben hatte eine Woche mit einer Segelyacht auf dem Mittelmeer und es war einer der schönsten Urlaube, die ich gemacht habe. Dieses Jahr habe ich einen Törn gemacht, bei dem der Skipper mehrfach am Tag sagte „Über-Bord-Fallen ist verboten“. Er wird schon wissen, warum …

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