Kurzgeschichte: Das Leben in der Mitte


Das Leben in der Mitte

Axel Baumgart

Jetzt war ein guter Zeitpunkt, um über sein Leben nachzudenken. Er war heute zweiundvierzig Jahre alt geworden. Mit etwas Glück würde er noch einmal zweiundvierzig Jahre leben. Sein kleines, spießiges Reihenhäuschen in der norddeutschen Provinz war zur Hälfte abbezahlt.

Nach vierundzwanzig Jahren Berufstätigkeit hatte er es zum Niederlassungsleiter eines bedeutenden deutschen Automobilherstellers gebracht. Firmenintern wurde er als Mitglied des mittleren Managements geführt. Wenn er so lange durchhielt, würde er in etwa vierundzwanzig Jahren in Rente gehen.

Seit fünfundzwanzig Jahren war er mit ein und derselben Frau sexuell aktiv. Angenommen, sein Urologe war so gut, wie sein Ruf, würde das vielleicht auch die nächsten fünfundzwanzig Jahre so weitergehen. Er war seiner Frau immer treu gewesen, wenn man das Sommerfest vor fünf Jahren nicht zählte. Aber da war er so besoffen gewesen, das konnte einfach nicht zählen.

Vor genau dreizehn Jahren war sein erstes Kind geboren worden. Wenn alles nach Plan verlief, würde in dreizehn Jahren das letzte aus dem Haus sein. Sein Vater lebte noch, seine Mutter war tot.

Er war Mitglied der freiwilligen Feuerwehr, ging jeden Sonntag zum Stammtisch und war ein angesehener Kunde der örtlichen Sparkasse.

Er hatte getan, was getan werden musste. Er hatte ein Haus gebaut, einen Sohn gezeugt und heute Morgen einen Baum gepflanzt. Niemand konnte ihm etwas vorwerfen.

Seine Kindheit war nicht einfach gewesen, mit so einer Mutter. Nie war etwas gut genug gewesen, Freunde grundsätzlich der falsche Umgang, spätere Freundinnen immer Schlampen. Es war nicht seine Schuld.

Nach seiner Hochzeit und erst recht nach der Geburt der Kinder tyrannisierte seine Mutter auch seine Familie. Sein halbes Leben lang. Sie war zu weit gegangen.

Aber wie gesagt, sie war ja tot. Der blutige Hammer lag noch neben ihrem zertrümmerten Gesicht auf den Küchenfliesen.

Die erste Hälfte seines Lebens hatte er in Freiheit gelebt, die zweite würde er endlich frei sein.

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2 Responses to Kurzgeschichte: Das Leben in der Mitte

  1. Christiane sagt:

    Hi Axel,

    eine Geschichte ganz nach meinem Geschmack. Besonders der letzte Satz gefällt mir. Ich hatte schon zu Beginn überlegt, wann der Hammer kommt. Und er kam … schön!

    Beste Grüße,
    Christiane

  2. Axel Baumgart sagt:

    Hallo Christiane,

    wenn Du schon am Anfang auf DEN HAMMER gewartet hast, dann habe ich etwas verkehrt gemacht. Aber ich denke, Du hast, wie Du geschrieben hast, auf den Hammer gewartet, und der kam ja dann in Form DES HAMMERS ;-))

    Beste Grüße
    Axel

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