Der Bessermacher


Der Bessermacher
von Axel Baumgart

Willy Dreisler quält sich aus dem Taxi. Sein Rücken schmerzt höllisch. Beinahe täglich, seit dem Unfall vor acht Jahren. Der Notstopp einer Presse in dem Werk, in dem er gearbeitet hatte, hatte eine Fehlfunktion, und eine Verkettung unglücklicher Umstände führte in letzter Konsequenz dazu, dass Willy jetzt, mit 58 Jahren, Frührentner ist. Bandscheibenschaden. Er hatte sein Leben lang hart und ehrlich für sein Geld gearbeitet, jetzt lebt er von Almosen. Jedes mal, wenn s ein Rücken schmerzt, oder das Taubheitsgefühl in sein Bein zurückkehrt, wird er daran erinnert. Immerhin hat er keine Kinder, denen jetzt der vollwertige Vater fehlt. Zumindest das hat er besser gemacht, als sein Vater.

Karl Hermann Dreisler war 1947 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt und ein Jahr nach Willys Geburt gestorben. „An dem, was ihm die Russen angetan haben“, wie seine Mutter nicht müde wurde zu betonen. Den Erzählungen und den wenigen Bildern, die es von seinem Vater gab, entnahm Willy eine eigene, andere Geschichte. Sein Vater hatte sich einfach und unspektakulär zu Tode gesoffen. So war Willy zwar ohne Vater, aber mit einer dieser kleinen, alltäglichen Familienlügen aufgewachsen.

Er hatte erfahren, dass sein Vater bis zu Letzt an die Sache geglaubt hatte, für die er in den Krieg gezogen und in Gefangenschaft gegangen war. Willy verstand das bis heute nicht. Die Sache, wie seine Mutter den Nationalsozialismus und wahlweise den zweiten Weltkrieg immer noch nannte, hatte Familien zerstört und hunderttausende unschuldiger Menschen das Leben gekostet. Das war nicht Willys Welt. Willy verabscheute es, gewalttätig zu sein. Allein die Vorstellung, gegen jemanden die Hand zu erheben, jemanden zu schlagen, verursachte ihm körperliche Übelkeit.

Willy war ohne viel Geld in einem Arbeiter- und Einwandererviertel von Berlin aufgewachsen. Als Kind der Straße hatte er schnell Freunde gefunden, mit denen er bis heute engen Kontakt pflegte. Wenn es auf den Straßen in seinem Viertel manchmal zu Raufereien zwischen den Jungen kam, hielt sich Willy zurück. Bis auf diese gelegentlichen Rangeleien war es eine friedliche Straße, ein friedliches Viertel gewesen. Doch das Bild der Straße, seiner Straße, hatte sich verändert im Laufe der Zeit. Früher konnten Frauen noch nachts alleine über die Straße gehen, ohne Angst haben zu müssen. Heute war das anders. Ein Spiegel der Gesellschaft. Wie gesagt, Willy verabscheute die Vorstellung, Gewalt auszuüben. Das Beispiel seines Vaters hatte ihm nur zu deutlich gezeigt, wohin das führen musste. Er wollte nicht die gleichen Fehler machen, wollte alles besser machen, als der Vater, den er nie kennengelernt hatte.

Willy mochte keinen Sport. Nach seinem Unfall hatte ein Arzt gesagt, dass er Sport betreiben müsse, damit die Muskulatur aufgebaut würde, die die Bandscheiben entlasten sollte. Willy glaubte nicht daran. Manche Sachen waren so, wie sie waren. Schicksal, oder auch nur einfach Pech. Man musste diese Sachen annehmen. Es hatte keinen Sinn seine Kraft und Zeit auf Dinge zu verschwenden, die nicht zu ändern waren. Immerhin war er kein Krüppel, der sich nicht bewegen konnte, sondern ein Frührentner, der unter höllischen Schmerzen litt. Damit konnte er umgehen.

Seine Freunde hatten ihm damals, nach dem Unfall sehr geholfen, und waren auch heute immer da, wenn sich die Schmerzen zu sehr auf sein Gemüt legten. Im Laufe der Jahre hatten seine Freunde neue Freunde mitgebracht, so dass der Kreis mittlerweile sehr groß war und sich auf alle Gesellschaftschichten erstreckte. Das war gut und wichtig. Denn sie wollten wirklich etwas bewegen, etwas verändern. Nicht wie sein Vater, der Versager.

Willy war sehr tierlieb, am meisten mochte er Hunde. Diese kleinen, verweichlichten Schoßhündchen konnte er nicht ausstehen. Aber große, starke Hunde waren seine Leidenschaft. Sie strahlen eine Lebendigkeit aus, die Willy auch immer noch in sich spürte, aber wegen seines Leidens nur sehr selten wirklich ausleben konnte. Unter seinen Freunden, wenn er seine Ideen zur Verbesserung des Zusammenlebens in der Gesellschaft vorstellte, sie ihm zuhörten und mit ihm diskutierten, ja da war er wieder lebendig.

Willy beugt sich unter Schmerzen zu dem Taxifahrer und bezahlt. Er hat noch etwas Zeit, denn der gesellige Abend mit seinen Freunden beginnt erst in einer halben Stunde. Er wird ihnen sagen, dass jetzt die Zeit gekommen ist, etwas zu tun. Sie haben alles besprochen, wissen, was sie wollen und wie sie es erreichen können. Jetzt ist die Zeit des Handelns gekommen. Sie müssen die Jungen rausschicken. Die Synagoge muss brennen, am besten auch die Moschee. Dieses Pack gehört nicht zu seinen Freunden, ebenso wenig wie diese widerlichen Schwulen. Aber er wird es anders machen als sein Vater. Er wird nicht in der ersten Reihe stehen, und sein Leben riskieren. Willy hasst es, selber gewalttätig zu sein. Er wird es besser machen als sein Vater.

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