Der Bessermacher

Sonntag, 26. Juli 2009

Der Bessermacher
von Axel Baumgart

Willy Dreisler quält sich aus dem Taxi. Sein Rücken schmerzt höllisch. Beinahe täglich, seit dem Unfall vor acht Jahren. Der Notstopp einer Presse in dem Werk, in dem er gearbeitet hatte, hatte eine Fehlfunktion, und eine Verkettung unglücklicher Umstände führte in letzter Konsequenz dazu, dass Willy jetzt, mit 58 Jahren, Frührentner ist. Bandscheibenschaden. Er hatte sein Leben lang hart und ehrlich für sein Geld gearbeitet, jetzt lebt er von Almosen. Jedes mal, wenn s ein Rücken schmerzt, oder das Taubheitsgefühl in sein Bein zurückkehrt, wird er daran erinnert. Immerhin hat er keine Kinder, denen jetzt der vollwertige Vater fehlt. Zumindest das hat er besser gemacht, als sein Vater. Den Rest des Beitrags lesen »

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Flug durch den Nebel

Dienstag, 10. Februar 2009

Flug durch den Nebel
Von Axel Baumgart

Eine weiße Wand. Wobei Wand nicht stimmt. Eine Wand ist konkret. Sie ist da. Fassbar. Dieses weiß ist unfassbar. Unbegreiflich. Einfach nur da. Es läßt keinen Raum für etwas anderes. Es gibt nur drinnen. 136 fremde Leute, die ihre Sicherheit, ihr Leben einem anderen Fremden anvertrauen. Und draußen. Unfassbar weiß.

Zeit und Raum gibt es nur drinnen. Draußen ist weiß. Es ist still. Drinnen hört man die Stille, draußen sieht man sie. Nur die Motoren und das Rascheln der Zeitungen. Ab und an ein Ding, manchmal ein Dong. Das Weiß ist nicht kalt und nicht warm. Es blendet nicht. Nur weiß. Ein Getränkewagen drinnen zerreißt brutal die Stille. Kaffee bitte. Mit Milch.

Die Störung entfernt sich. Wieder innere und äußere Stille. Wie groß weiß wohl ist? In Stunden, Metern, Litern? Kein Anfang, kein Ende. Plötzlich war es da und blieb. Den Rest des Beitrags lesen »


Meine Geschichten auf englisch und spanisch

Donnerstag, 18. Dezember 2008

Vor einiger Zeit wurde ich von dem Projekt mehrsprachigaufwachsen.de angesprochen, ob ich nicht einige meiner Geschichten zur Produktion von Hörbüchern in verschiedenen Sprachen zur Verfügung stellen möchte. Ziel des Projektes ist es, Tipps, Anregungen und Hilfe bei der multiligualen Erziehung von Kindern zu geben.

Ich hatte damals für das Projekt folgende Geschichten von mir freigegeben:

– Legau: Das Ende des Regenbogens
– Legau: Die Nase vom Nikolaus
– Legau: Das Seifenkistenrennen
– Fips: Ein gefährlicher Ausflug
– Pinky Pink

Letzte Woche habe ich die Hörproben in deutsch, englisch und spanisch bekommen. Spanisch kann ich nicht beurteilen (da warte ich auf eine Einschätzung von zwei Freunden), aber die deutsche und die englische Version haben mich restlos begeistert. Die Übersetzungen sind sehr gelungen, alle Geschichten sind sehr professionell gesprochen. In Kürze wird es die Hörbücher zu kaufen geben. Der Erlös unterstützt das Projekt mehrsprachigaufwachsen.de.

Nächstes Jahr sollen weitere Geschichten eingesprochen werden, und ich würde mich freuen, wenn ich wieder dabei sein dürfte. Wenn Ihr mögt, dann könnt Ihr in den Kommentaren Wünsche hinterlassen, welche Kindergeschichten ich für die neuen Hörbücher auswählen soll.


Kurzgeschichte: Das Leben in der Mitte

Sonntag, 12. Oktober 2008

Das Leben in der Mitte

Axel Baumgart

Jetzt war ein guter Zeitpunkt, um über sein Leben nachzudenken. Er war heute zweiundvierzig Jahre alt geworden. Mit etwas Glück würde er noch einmal zweiundvierzig Jahre leben. Sein kleines, spießiges Reihenhäuschen in der norddeutschen Provinz war zur Hälfte abbezahlt.

Nach vierundzwanzig Jahren Berufstätigkeit hatte er es zum Niederlassungsleiter eines bedeutenden deutschen Automobilherstellers gebracht. Firmenintern wurde er als Mitglied des mittleren Managements geführt. Wenn er so lange durchhielt, würde er in etwa vierundzwanzig Jahren in Rente gehen.

Seit fünfundzwanzig Jahren war er mit ein und derselben Frau sexuell aktiv. Angenommen, sein Urologe war so gut, wie sein Ruf, würde das vielleicht auch die nächsten fünfundzwanzig Jahre so weitergehen. Er war seiner Frau immer treu gewesen, wenn man das Sommerfest vor fünf Jahren nicht zählte. Aber da war er so besoffen gewesen, das konnte einfach nicht zählen.

Vor genau dreizehn Jahren war sein erstes Kind geboren worden. Wenn alles nach Plan verlief, würde in dreizehn Jahren das letzte aus dem Haus sein. Sein Vater lebte noch, seine Mutter war tot.

Er war Mitglied der freiwilligen Feuerwehr, ging jeden Sonntag zum Stammtisch und war ein angesehener Kunde der örtlichen Sparkasse.

Er hatte getan, was getan werden musste. Er hatte ein Haus gebaut, einen Sohn gezeugt und heute Morgen einen Baum gepflanzt. Niemand konnte ihm etwas vorwerfen.

Seine Kindheit war nicht einfach gewesen, mit so einer Mutter. Nie war etwas gut genug gewesen, Freunde grundsätzlich der falsche Umgang, spätere Freundinnen immer Schlampen. Es war nicht seine Schuld. Den Rest des Beitrags lesen »


Kurzgeschichte: Der Spieler

Montag, 18. August 2008

Der Spieler
Von Axel Baumgart

Denis Kudalenko hatte nicht mehr lange zu leben. Diese Erkenntnis basierte weder auf Röntgenbildern noch auf einer Krebserkrankung. Denis Kudalenko spielte auch nicht mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen. Aber das war auch so ziemlich das einzige, mit dem er nicht spielte. Karten, Würfel, Roulette, Sportwetten – es gab kein Spiel, auf das er sich nicht einließ, wenn nur der Einsatz hoch genug war und er viel Geld gewinnen konnte. Aber Denis Kudalenko hatte in den letzten Wochen nicht gewonnen. Er hatte viel gewagt. Nach jedem Verlust etwas mehr und etwas riskanter. Aber er hatte nicht gewonnen. Barkus hatte ihm immer wieder mit Geld geholfen und so ermöglicht, dass Denis Kudalenko wochenlang mit frischem Geld spielen konnte.

Vor eine halben Stunde war Barkus – Denis Kudalenko hatte erfahren, dass Barkus mit Vornamen Alvin hieß und sofort verstanden, warum er ohne Vornamen leben wollte – vor einer halben Stunde also war Barkus bei ihm gewesen. Seine Ansprache war ebenso kurz gewesen, wie die Haare seiner bewaffneten Begleiter:

„24 Stunden. Dann will ich Kohle sehen. Du kennst die Regeln. Ich hoffe, du hast das Geld.“

Ein anderer hätte vielleicht noch ein „Sonst …“ hinzugefügt. Bei Barkus bestand dafür aber keine Notwendigkeit. Jeder, der zu Barkus kam und Geld wollte, hörte die selben Worte:

„Ich verleihe nichts. Ich kaufe. Finger, Hände, Arme, Beine. Auch Köpfe. Wenn du mir etwas verkaufen willst, bekommst du es nur zurück, wenn du es mir wieder abkaufst. Wenn ich es sage. Zu meinem Preis. Was willst du mir heute verkaufen?“

Denis Kudalenko hatte jede Zelle, jedes Haar an Barkus verkauft. Morgen würde Barkus kommen, um sich zu holen, was ihm gehörte. Es sei denn, er konnte es zurückkaufen. Zum doppelten Preis. Das waren die Regeln von Barkus.

Alles, was sich zu Geld machen ließ, hatte Denis Kudalenko verkauft, bevor er zu Barkus gegangen war. Freunde hatte er schon lange keine mehr. Er lag auf seiner fleckigen Matratze und seine Gedanken drehten sich im Kreis, als sich plötzlich in der Kreismitte ein Punkt bildete. Sollte das wirklich die Lösung sein?

[An dieser Stelle möchte ich alle einladen, die Geschichte selber weiter zu schreiben und als Kommentar hier einzufügen. Mein eigenes Ende folgt hier:]

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Kurzgeschichte: Tiefe Wasser

Dienstag, 22. April 2008

Tiefe Wasser
Von Axel Baumgart

Ich bin aber auch ein Blödmann. Wie konnte ich mich nur überreden lassen. Ich kann nicht schwimmen und konnte es noch nie. Weder hatte ich jemals das Bedürfnis, schwimmen zu lernen, noch hätte ich jemals eine Situation erlebt, in der ich als Nichtschwimmer einen Nachteil gehabt hätte. Als Gabi und Thomas dann mit der Idee kamen, wir könnten doch einmal einen gemeinsamen Segelurlaub machen, lachte ich herzhaft und lange, wussten die beiden doch nur zu gut um mein Verhältnis zu Wasser, sobald es tiefer und größer als eine Badewanne wurde. Nachdem ich mich beruhigt hatte, machten sie mir allerdings sehr schnell klar, wie Ernst ihnen der Vorschlag war. Auf diese Weise, waren sich beide sicher, würde ich nicht nur meine Angst vor dem Wasser verlieren, sondern auch durch das zumindest teilweise Leben auf dem Wasser eine ganz neue Lebensperspektive bekommen. Zugegeben, eine neue Lebensperspektive reizte mich schon. Den Rest des Beitrags lesen »


Kurzgeschichte: Erster Alles

Sonntag, 16. März 2008

Erster Alles
Von Axel Baumgart

Als ich ein Kind war, spielten wir Fußball auf der Straße oder im Park, wenn wir von dort nicht vertrieben wurden. Beide Plätze hatten eines gemeinsam: Es gab kein richtiges Spielfeld. Nur zwei Tore. Wir spielten nach ganz einfachen Regeln:

Foul war, wenn einer laut „Aua“ sagte, und Weicheier durften nicht mitspielen. Torwart gab es keinen. Wer der letzte Mann seiner Mannschaft war, rief laut „Letzter Mann“ und durfte dann den Ball mit der Hand abwehren. Weil wir keinen Strafraum hatten, gab es nach einem Foul auch nie einen Elfmeter, sondern nur einen Freistoß. Seiten- und Torauslinien hatten wir nicht, folglich auch keine Ecken. Daraus ergab sich eine ganz simple Regel: Wenn es für eine der beiden Mannschaften eine bestimmt Anzahl Ecken hätte geben müssen, gab es stattdessen einen Elfmeter. Die Regel wurde für beide Mannschaften verbindlich von demjenigen bestimmt, der sie als erster laut ausrief: „Drei Ecken ’en Elfer!“ Damit war dann klar, nach jeweils drei nicht ausgeführten Eckstößen gab es einen Straftstoß.

Natürlich war es immer Niklas, der die Regel bestimmte. Niklas war sowieso unser „Erster Alles“. Ich weiß nicht, ob es an der fehlenden Fußballbegeisterung liegt, oder an der Tatsache, dass sie nicht aus dem Rheinland kommen. Auf jeden Fall kannten Freunde von mir diesen Begriff nicht, weshalb ich ihn kurz erklären möchte: Im Straßenfußball, wo es keine feste Mannschaften mit gewachsenen Hierarchien gibt, muß man die Frage, wer der „Chef“ auf dem Platz ist, anders regeln. Wer darf den ersten Freistoß schießen, wer den ersten Elfmeter? Die Lösung muss einfach sein, Diskussionen halten nur von Spiel ab. Wer in seiner Mannschaft als erster „Erster Alles“ rief, hatte damit diese Rechte für dieses Spiel erworben. Ohne Diskussion. Wer zuerst kommt, malt zuerst. Ich kann mich an kein Spiel erinnern, bei dem Niklas nicht „Erster Alles“ seiner Mannschaft gewesen wäre.

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