Zweimal sieben Minuten

Samstag, 26. September 2009

Folgende Kurzgeschichte habe ich für einen Wettbewerb eingereicht.  Sie wurde für die Buchveröffentlichung ausgewählt.  Leider kam das Buch nie zu Stande. Deshalb stelle ich sie nun in meinen Blog ein:

Zweimal sieben Minuten

Von Axel Baumgart

07:48 – Zum Glück ist die Karre angesprungen. Er kommt sowieso nicht mehr pünktlich. Scheiß Wecker. Scheiß Party gestern Abend. Scheiß Bier. Scheiß Kater. Jetzt bloß kein Stau. Da kommt die Müllabfuhr. Schnell. Das war eng. Das hätte ihm noch gefehlt. Hinter dem Müll-Laster her schleichen.

07:48 – Eine furchtbare Nacht. Es wäre nicht nötig gewesen, dass Andreas mitten in der Nacht seine Sachen packt und geht. Jetzt ist sie mit ihrer Tochter allein. Die Kleine lacht fröhlich in ihrem Kinderwagen und würde heute von ihrer Oma bestimmt verwöhnt werden. Den Rest des Beitrags lesen »

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Der Bessermacher

Sonntag, 26. Juli 2009

Der Bessermacher
von Axel Baumgart

Willy Dreisler quält sich aus dem Taxi. Sein Rücken schmerzt höllisch. Beinahe täglich, seit dem Unfall vor acht Jahren. Der Notstopp einer Presse in dem Werk, in dem er gearbeitet hatte, hatte eine Fehlfunktion, und eine Verkettung unglücklicher Umstände führte in letzter Konsequenz dazu, dass Willy jetzt, mit 58 Jahren, Frührentner ist. Bandscheibenschaden. Er hatte sein Leben lang hart und ehrlich für sein Geld gearbeitet, jetzt lebt er von Almosen. Jedes mal, wenn s ein Rücken schmerzt, oder das Taubheitsgefühl in sein Bein zurückkehrt, wird er daran erinnert. Immerhin hat er keine Kinder, denen jetzt der vollwertige Vater fehlt. Zumindest das hat er besser gemacht, als sein Vater. Den Rest des Beitrags lesen »


Ehrliche Liebe

Samstag, 30. Mai 2009

Ehrliche Liebe

Von Axel Baumgart

Mir ist egal, was andere in Dir sehen. Ich habe mein eigenes Bild von Dir. Du bist einzigartig. Dafür liebe ich Dich. Du bist nicht wie die Masse, kommst nicht aus ihr, sondern hebst Dich ab von ihr. Nichts an Dir ist wie bei anderen.

Natürlich hast Du auch Fehler, kleine, verzeihliche. Die Unordnung und der Hang zur Besserwisserei. Und große, über die ich hinwegsehe, sie ignoriere, weg lüge. Weil ich Dich liebe.

Ich liebe Dich für alles, was Du bist. Tolerant, empfindsam, ausgleichend. An Menschen und besonders an Freundschaften interessiert. Du pflegst und hegst sie. Großherzig, humorvoll, verzeihend.

Ich liebe Dich für alles, was Du nicht bist. Anmaßend, berechnend, ausnutzend. Niemals habe ich Dich manipulierend oder gar hinterhältig erlebt.

Du bist mein bester Freund, schärfster Kritiker, größter Fan. Du bist die heilige Hure, Gott und Göttin, Sünde und Vergebung, Himmel und Hölle. Weil ich Dich Liebe. Den Rest des Beitrags lesen »


Flug durch den Nebel

Dienstag, 10. Februar 2009

Flug durch den Nebel
Von Axel Baumgart

Eine weiße Wand. Wobei Wand nicht stimmt. Eine Wand ist konkret. Sie ist da. Fassbar. Dieses weiß ist unfassbar. Unbegreiflich. Einfach nur da. Es läßt keinen Raum für etwas anderes. Es gibt nur drinnen. 136 fremde Leute, die ihre Sicherheit, ihr Leben einem anderen Fremden anvertrauen. Und draußen. Unfassbar weiß.

Zeit und Raum gibt es nur drinnen. Draußen ist weiß. Es ist still. Drinnen hört man die Stille, draußen sieht man sie. Nur die Motoren und das Rascheln der Zeitungen. Ab und an ein Ding, manchmal ein Dong. Das Weiß ist nicht kalt und nicht warm. Es blendet nicht. Nur weiß. Ein Getränkewagen drinnen zerreißt brutal die Stille. Kaffee bitte. Mit Milch.

Die Störung entfernt sich. Wieder innere und äußere Stille. Wie groß weiß wohl ist? In Stunden, Metern, Litern? Kein Anfang, kein Ende. Plötzlich war es da und blieb. Den Rest des Beitrags lesen »


Kurzgeschichte: Hans Ardin – Zahnlose Helden

Sonntag, 30. November 2008

Hans Ardin: Zahnlose Helden

Sie hatten sich von ihren Frauen, Kindern und Enkelkindern verabschiedet. Nun standen die neun Freunde des Kegelklubs „Voll auf die Neun“ am Bahnhof und freuten sich auf eines der letzten Abenteuer eines typisch deutschen Mittelstädters. Ihr diesjähriger Kegelausflug führte sie aus der niederrheinischen Tiefebene hinaus an die Nordsee, wo sie vergnügte fünf Tage verbringen wollten. Während dieser Zeit, so war es fest eingeplant, wollten sich die Landratten aufs offene Meer hinaus wagen und mit einem dieser kleinen Kutter noch vor Sonnenaufgang zum Krabbenfischen auslaufen.

Fünf Tage Freiheit. Keine Ermahnung, nicht so viel oder so früh schon Alkohol zu trinken. Fünf Tage angefüllt mit Männerwitzen und Dummen-Jungen-Streiche. Fünf Tage umgeben vom stürmischen Herbstwetter, das keine andere Betätigung zuließ, als in Ermangelung guter Kegelbahnen den Tag mit Skat und Geschichten von früher zu verbringen. Fünf Tage lang wieder ein Mann sein. Fünf traumhafte Tage, die ihre Krönung finden sollten in der abenteuerlichen Kutterfahrt.


Kurzgeschichte: Das Leben in der Mitte

Sonntag, 12. Oktober 2008

Das Leben in der Mitte

Axel Baumgart

Jetzt war ein guter Zeitpunkt, um über sein Leben nachzudenken. Er war heute zweiundvierzig Jahre alt geworden. Mit etwas Glück würde er noch einmal zweiundvierzig Jahre leben. Sein kleines, spießiges Reihenhäuschen in der norddeutschen Provinz war zur Hälfte abbezahlt.

Nach vierundzwanzig Jahren Berufstätigkeit hatte er es zum Niederlassungsleiter eines bedeutenden deutschen Automobilherstellers gebracht. Firmenintern wurde er als Mitglied des mittleren Managements geführt. Wenn er so lange durchhielt, würde er in etwa vierundzwanzig Jahren in Rente gehen.

Seit fünfundzwanzig Jahren war er mit ein und derselben Frau sexuell aktiv. Angenommen, sein Urologe war so gut, wie sein Ruf, würde das vielleicht auch die nächsten fünfundzwanzig Jahre so weitergehen. Er war seiner Frau immer treu gewesen, wenn man das Sommerfest vor fünf Jahren nicht zählte. Aber da war er so besoffen gewesen, das konnte einfach nicht zählen.

Vor genau dreizehn Jahren war sein erstes Kind geboren worden. Wenn alles nach Plan verlief, würde in dreizehn Jahren das letzte aus dem Haus sein. Sein Vater lebte noch, seine Mutter war tot.

Er war Mitglied der freiwilligen Feuerwehr, ging jeden Sonntag zum Stammtisch und war ein angesehener Kunde der örtlichen Sparkasse.

Er hatte getan, was getan werden musste. Er hatte ein Haus gebaut, einen Sohn gezeugt und heute Morgen einen Baum gepflanzt. Niemand konnte ihm etwas vorwerfen.

Seine Kindheit war nicht einfach gewesen, mit so einer Mutter. Nie war etwas gut genug gewesen, Freunde grundsätzlich der falsche Umgang, spätere Freundinnen immer Schlampen. Es war nicht seine Schuld. Den Rest des Beitrags lesen »


Kurzgeschichte: Der Spieler

Montag, 18. August 2008

Der Spieler
Von Axel Baumgart

Denis Kudalenko hatte nicht mehr lange zu leben. Diese Erkenntnis basierte weder auf Röntgenbildern noch auf einer Krebserkrankung. Denis Kudalenko spielte auch nicht mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen. Aber das war auch so ziemlich das einzige, mit dem er nicht spielte. Karten, Würfel, Roulette, Sportwetten – es gab kein Spiel, auf das er sich nicht einließ, wenn nur der Einsatz hoch genug war und er viel Geld gewinnen konnte. Aber Denis Kudalenko hatte in den letzten Wochen nicht gewonnen. Er hatte viel gewagt. Nach jedem Verlust etwas mehr und etwas riskanter. Aber er hatte nicht gewonnen. Barkus hatte ihm immer wieder mit Geld geholfen und so ermöglicht, dass Denis Kudalenko wochenlang mit frischem Geld spielen konnte.

Vor eine halben Stunde war Barkus – Denis Kudalenko hatte erfahren, dass Barkus mit Vornamen Alvin hieß und sofort verstanden, warum er ohne Vornamen leben wollte – vor einer halben Stunde also war Barkus bei ihm gewesen. Seine Ansprache war ebenso kurz gewesen, wie die Haare seiner bewaffneten Begleiter:

„24 Stunden. Dann will ich Kohle sehen. Du kennst die Regeln. Ich hoffe, du hast das Geld.“

Ein anderer hätte vielleicht noch ein „Sonst …“ hinzugefügt. Bei Barkus bestand dafür aber keine Notwendigkeit. Jeder, der zu Barkus kam und Geld wollte, hörte die selben Worte:

„Ich verleihe nichts. Ich kaufe. Finger, Hände, Arme, Beine. Auch Köpfe. Wenn du mir etwas verkaufen willst, bekommst du es nur zurück, wenn du es mir wieder abkaufst. Wenn ich es sage. Zu meinem Preis. Was willst du mir heute verkaufen?“

Denis Kudalenko hatte jede Zelle, jedes Haar an Barkus verkauft. Morgen würde Barkus kommen, um sich zu holen, was ihm gehörte. Es sei denn, er konnte es zurückkaufen. Zum doppelten Preis. Das waren die Regeln von Barkus.

Alles, was sich zu Geld machen ließ, hatte Denis Kudalenko verkauft, bevor er zu Barkus gegangen war. Freunde hatte er schon lange keine mehr. Er lag auf seiner fleckigen Matratze und seine Gedanken drehten sich im Kreis, als sich plötzlich in der Kreismitte ein Punkt bildete. Sollte das wirklich die Lösung sein?

[An dieser Stelle möchte ich alle einladen, die Geschichte selber weiter zu schreiben und als Kommentar hier einzufügen. Mein eigenes Ende folgt hier:]

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