Dialog: Typisch deutsch

Mittwoch, 6. Februar 2008

Typisch deutsch [eine Spielszene für zwei Personen]
Von Axel Baumgart

In einer mitteldeutschen Kleinstadt sitzen zwei Männer im Wartezimmer eines Arztes. Der erste hat einen Kopfverband, deutlich erkennbare Hämatome im Gesicht und ein geschwollenes Auge. Er hat braune Haare, trägt eine Jeans und ein kariertes Hemd. Er ist etwa 50 Jahre alt. Der zweite ist blond, hat ein weißes Hemd und eine Stoffhose an und ist um die sechzig. Er hat keine auf den ersten Blick erkennbare Krankheit, sitzt aber mit krummen Rücken etwas schief auf dem Stuhl. Der blonde Mann beugt sich zu dem anderen Patienten und beginnt zu sprechen:

„Der Doktor hat ja wirklich einen guten Ruf.“

„Hm …“

„Da wartet man doch gerne etwas länger.“

„Hm …“

Der Patient mit dem Kopfverband nimmt sich eine Zeitung und beginnt zu lesen.

„Ich bin schon drei Jahre Patient hier. Und davor bei seinem Vorgänger. Aber der hat meine Rückenprobleme nie in den Griff bekommen.“

„Hm …“

Der Patient mit dem krummen Rücken ignoriert den offensichtlichen Wunsch des anderen Patienten zu lesen und redet weiter.

„Jahrelang hat der rumprobiert und keine Lösung gefunden. Na ja, war halt auch ein Italiener. Vielleicht sind die in Italien ja noch nicht so weit mit der Medizin.“

„Hm …“

„Mein Zahnarzt hat einen Patienten, der ist Spanier. Oder Portugiese. Macht ja eh fast keinen Unterschied. Der ist auch nie zufrieden mit seinen Zähnen und Kronen. Die verstehen eben einfach nicht, wie moderne Medizin funktioniert.“

„Hm …“

„Egal ob Griechenland, Türkei oder die ganzen anderen ehemaligen Ostblockländer, die sind auch ganz allgemein noch nicht so weit wie wir.“ Der immer noch lesende Patient dreht dem Sprecher etwas den Rücken zu, in der Hoffnung, in Ruhe gelassen zu werden. Vergebens. „Drum sind ja auch so viele von denen hier. Schauen sich an, wie alles funktioniert, gehen dann zurück und versuchen, uns fertigzumachen. Aber das hat noch nie funktioniert.“

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